Everspace 2 im Test: Zwischen Freelancer und Space-Diablo steckt eine Menge Spaß – hättet ihr es gedacht? (2024)

Everspace 2 im Test: Zwischen Freelancer und Space-Diablo steckt eine Menge Spaß – hättet ihr es gedacht? (1)

Ein Poster-Generator vor dem Herrn und ein vielleicht nicht wahnsinnig tiefschürfender, aber sehr fesselnder Loot-Shooter, der abseits der schwach präsentierten Geschichte nur an Kleinigkeiten krankt.

Ich bin froh, dass ich Everspace 2 nicht schon im Early Access so totgespielt habe, wie mir das oft mit Titeln passiert, die mir gut gefallen. Umso mehr freue ich mich jetzt über die fertige Version, in die ich mich die letzten zwei Wochen mit viel Schwung reingehangen habe und die einfach wahnsinnig gut gelungen ist. Ich muss schon sagen: So einen großen Suchtfaktor hat dieses Jahr noch kein anderes Spiel bei mir erzeugt. Gleichzeitig gebe ich gern zu, dass mir der Gedanke an eine Mischung aus Loot-Spiel und Raumschiffballerei zu Beginn wenig intuitiv erschien.

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Das Ausrüstungssystem von Everspace 2 scheint da auf einer Wellenlänge mit mir zu liegen. So ganz richtig fühlt es sich nicht an, Verbrauchsgegenstände, die einem den Allerwertesten retten könnten, nur mit einer gesalzenen Verzögerung nach dem Ausrüsten verwenden zu können. Aber irgendwo muss man ja die Logik reinbringen, dass man hier eine komplexe Maschine durch den Weltraum steuert. Dann wiederum – der Wechsel von Waffen passiert auch unmittelbar... Egal, so seltsam es scheint, einen Loot-Shooter mit einer offenen Space-Oper zu verheiraten: Im Großen und Ganzen funktioniert das im Spiel der Hamburger von Rockfish Games ziemlich ausgezeichnet und dürfte auf der Jahresendliste der coolen Spiele als gesetzt gelten.

Am besten wir haken die eher doofen Dinge gleich zu Beginn ab, dann kann ich anschließend so gut wie ungestört schwärmen: Die Geschichte plätschert eher vor sich hin und ist mit ihren steifen Motion-Comic-Zwischensequenzen verhältnismäßig dürftig präsentiert. Und “verhältnismäßig” meint, wenn man sie neben den Rest dieses wirklich opulenten Stücks Weltraum hält, das mit tollen Produktionswerten und kreativer Kunstfertigkeit wirklich zu begeistern weiß. Hier klafft zwischen Spiel und dem Dazwischen eine gähnende Schlucht.

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Der eine oder andere dürfte es zudem ebenfalls eher wie ich halten und seine Raumschiffe lieber aus der co*ckpit-Sicht steuern. In Everspace 2 ist das nicht empfehlenswert. Die Übersicht über die Situation und Umgebung ist viel zu wichtig, um sich direkt hinter den Steuerknüppel zu klemmen. Man darf das in Everspace zwar machen, aber Spaß macht es so nicht so recht, was auch an der vollen 3D-Bewegungsfreiheit in alle Richtungen liegt. Es sei denn natürlich, ihr liebt es, regelmäßig als schrottgefüllter Krater in der Flanke eines unbeeindruckten Asteroiden zu enden. Ich habe mich daran gewöhnt, mein Schiff nur von außen zu sehen, vermisse aber manchmal auch das Gefühl gewaltiger Größe von Großkampfschiffen und Raumstationen.

Außerdem hatte ich ein paar Probleme mit der Progression, die mir manchmal ein wenig zu langsam schien. Ich folgte ziemlich brav den Story-Missionen, was dazu führte, dass ich bald unterlevelt war. Bisweilen wurde mir Everspace 2 dann zu schwer, bis ich ein paar Nebenmissionen erledigt hatte und dann etwas leichteres Spiel hatte. Zudem dauert es eine Weile, bis man überschüssiges Loot mittels eines Upgrades in seine Heimatbasis schicken kann, wenn der Frachtraum des Schiffes überläuft (was ziemlich schnell passiert). Bis ich diesen Perk freigeschaltet hatte, hatte ich Hunderte Teile Loot direkt demontiert, weil mein Frachtraum grundsätzlich überlief. Diese Sorte Logistik hat wenig mit dem Spaß zu tun, den das Spiel ansonsten versprüht. Gleichzeitig spricht es aber auch dafür, wie lange Ausrüstung in diesem Spiel konkurrenzfähig bleibt. Insgesamt sah ich deshalb gern über diese Schwäche hinweg. Everspace 2 ist nämlich ziemlich schwierig aus der Hand zu legen.

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Ich schätze, damit hätte ich erst mal hinreichend gemeckert. Abgesehen von diesen drei Faktoren hatte und habe ich eine ausgezeichnete Zeit mit Everspace 2 und sehe mich dieses Weltraumabenteuer noch lange, lange weiterspielen. Ich bin nach über 30 Stunden noch längst nicht am Ende angekommen und hatte trotzdem keine Lust, auf die vom Entwickler bereitgestellten Late-Game-Spielstände zurückzugreifen, einfach, weil ich mir selbst nichts vorwegnehmen wollte.

Ich mag einfach die Struktur: Everspace 2 rollt seine insgesamt sieben Sonnensysteme nach und nach vor mir aus und jede davon ist eine eigene Open World mit überwiegend handgemachten Orten von Interesse: zerborstene Planeten im Nebel, von Piraten gehaltene Raumstation in Asteroidenfeldern, eine Blade Runner-Metropole, die fliegen gelernt hat. Solche Sachen. Es ist auch ohne allzu tiefschürfenden Story-Unterbau ein unverschämt hübsches Stück Weltraum, bei dem ich auf dem Weg von A nach B, wenn ich mit Überlichtgeschwindigkeit von einem Planeten zum nächsten reise, regelmäßig von generierten Ereignissen vom Weg abgebracht werde. Schade, dass all das nicht mit besserem Lore unterfüttert ist.

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Natürlich wird hier die meiste Zeit gekämpft. Aber das ist dank interessanter Waffen, die entweder Schilden oder Panzerung Schaden zufügen, und dem Flugmodell, das schwer davon profitiert, wenn ihr gut genug seid, durch dichte Gesteinsfelder oder die Gerippe zerborstener Orbitalstationen zu tänzeln, eigentlich immer extrem unterhaltsam. Es schrappt zwar später haarscharf an der Grenze zu “überladen” entlang, gerade, wenn man wie ich immer ein wenig am Limit des level-technisch Machbaren arbeitet. Dann ist das Koordinieren von — bei meinem Schiff – zwei Primär- und zwei Sekundärwaffen, zweier Devices, vier Slots an Verbrauchsgegenständen und einem Ult schon … nun ja, es ist eine ganze Menge, was man da samt Cooldowns im Blick behält.

Wohlgemerkt, während man Raketen, Minen und förmlich an einem klebenden Drohnen entgeht, dabei auf konventioneller “fliegende” Raumschiffe schießt und zugleich Trümmer und Gelände taktisch clever einzusetzen versucht. Vielleicht wird man währenddessen noch gebeten, sich nicht zu weit von einem Terminal zu entfernen, damit der Hacking-Vorgang nicht unterbrochen wird. Oder man darf aus Story-Gründen mal keinerlei Waffen verwenden, oder muss einem Fliehenden folgen, ohne von einer Hundertschaft an Feinden zerballert zu werden, derer sich zu entledigen man keine Zeit hat. Sensorisch wird einem da schon eine Menge abverlangt und die meiste Zeit variiert Rockfish die Anforderungen recht gut, das kann man nicht anders sagen.

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Mal fliegt ihr durch einen Nebel im All, mal durch die Wolken in der oberen Atmosphäre eines Minenplaneten, dann wiederum geht es ins Innere hochtechnisierter Superstrukturen oder in die Bäuche zerstörter Giganto-Raumschiffe. Die Hamburger haben sich eine Menge einfallen lassen, den eigentlich so langweiligen Weltraum aufregend und voller Geschichte und Geheimnisse wirken zu lassen. Ihr seht es ja an den Bildern, die ich überwiegend im coolen Fotomodus geschossen habe – das ist schon schick und lädt zum Verweilen ein. Natürlich: bei 30++ Stunden bleibt die Action nicht durchweg neu. Trotzdem setzten Ermüdungserscheinungen erst spät ein und waren dann meist nach einer kurzen Pause wieder vergessen. Ich bin nicht sicher, ob es neben all den Nebenaufträgen, dem zufallsgenerierten Kram und den vielen, vielen gut gemachten Hauptmissionen wirklich noch gleich mehrere Schwarze Bretter mit Fleißbienchen-Jobs gebraucht hätte, aber hey, die Min-Maxer werden mir da widersprechen, denke ich.

Womit wir vermutlich bei einer Sache wären, die man Everspace 2 noch ankreiden könnte: Das Crafting-System, das sowohl Waffen-Upgrades als auch Perks unterfüttert, dürfte gern ein bisschen simpler aufgezogen sein. Im Dschungel aus nach Rang gegliederten Komponenten und Ressourcen verzettelte ich mich bis weit ins Spiel hinein noch regelmäßig. Das ist eher kompliziert als komplex. Ist nicht schlimm, aber so wahnsinnig viel trägt es in dieser Feingliedrigkeit nicht zum Spiel bei. Die meiste Zeit merkt man das aber nicht, weil Everspace 2 so verflixt gut darin ist, einem direkt die nächste Karotte vor die Nase zu hängen. Irgendwas ist immer zu tun und es vergehen an Raumhäfen, Flottenparkplätzen und Schiffsfriedhöfen oft auch nach Abschluss einer Mission mehrere Viertelstunden, in denen ich Erz abbaue oder die Gegend erkunde.

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Sei es, um auf der Unterseite eines Asteroiden ein verstecktes Schalterrätsel zu lösen, einen Generator im Bauch eines verschrotteten Großkampfschiffes anzuwerfen oder einen Schild mit Schätzen dahinter zu deaktivieren, den ein paar Schmuggler auf einem entlegenen Arm einer Handelsstation versteckt hatten. Oder ich entdecke hinter einem losen Panel einer an der Außenwand einer getarnten Raumstation ein wertvolles Schiffswrack, in dem die coolste Front für meinen Jäger auf mich wartete, die ich in all meiner Zeit mit diesem Spiel fand. Denn auch darin, euch eine Bindung zu eurem hübsch anpassbaren Schiff aufbauen zu lassen – für welches der vielen, vielen Modelle ihr euch auch entscheidet – ist Everspace 2 wirklich ziemlich gut.

Ansonsten bin ich fast wunschlos glücklich. Ich kann mir zwar den Gedanken nicht verkneifen, wie es wäre, diese Kampagne im Koop zu erleben, was leider nicht möglich ist. Aber dann wiederum schätze ich die Aufopferung, mit der Rockfish sich in den Bau eines Mammutspiels für Solo-Zocker geworfen hat. Technisch ist das Spiel auf dem PC übrigens über jeden Zweifel erhaben. Ich glaube nicht, dass es mir in 34 Stunden einmal abgestürzt ist und die 100fps, auf die ich meinen Rechner gedrosselt habe, seit Energie teuer ist, sind im Grunde nie in Gefahr (RTX 3080, Intel i9 10850). Man merkt, dass an diesem Spiel lange gefeilt wurde.

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Everspace 2 Test – Fazit:

Wie ihr seht, bin ich ein Stück weit begeistert von Everspace 2. Sicher, die Geschichte wird die wenigsten in Wallung bringen und die schwache Zeichnung der Welt und ihrer Bewohner tut dem Abenteuer keine Gefallen. Am Ende ist es ein Action-Spiel mit Loot-Anteil, wie es heute wohl zum guten Ton gehört. Aber die Zusammensetzung nahm Rockfish doch mit wahnsinnig gutem Fingerspitzengefühl vor und vermengte Bestandteile, die einem in geringeren Händen entweder bequem zusammengeklaut oder nur schwer vereinbar vorkommen könnten, zu einem wundervoll kohärenten Ganzen. Das Resultat motiviert, stundenweise die Zeit zu vergessen, während man mit offenem Mund von einem Pulp-Science-Fiction-Poster ins nächste fliegt. Nur manchmal rennt man sich an einer Level-Wand ein bisschen zu lange den Schädel ein, um sich dann im großen Geflecht der Haupt- und Nebenmissionen neu zu orientieren und so wieder in die Spur zu kommen.

Und wenn man erst mal in Bereichen ist, in denen man sein sollte, kann man immer und immer wieder kaum anders, als sich mal hier, mal dort auf ein ebenso elegantes wie spannendes Scharmützel einzulassen – bis man sich wieder daran erinnert, was die eigentliche Mission war. Und das sind meist die besten Spiele: Die, in denen ich vergesse, warum ich eigentlich hier bin, weil das Spielen an sich so viel Spaß macht. Gut gemacht, Rockfish!

Everspace 2 – Wertung: 8/10

Everspace 2 Pro und Contra

Pro:

  • Sehr lebendig und aufregend wirkender Weltraum
  • Spaßiges Flugmodell, losgelöst jeglicher falscher Aerodynamik
  • Motivierender Spielfluss
  • Gewaltiger Umfang, den man gern ergründet
  • Exzellente Grafik
  • Coole Waffen und tiefschürfende Raumschiffsindividualisierung

Contra:

  • Geschichte und World-Building sind schwach
  • Manchmal langsamer Fortschritt
  • Etwas kompliziertes Crafting- und Ressourcensystem
  • Koop wäre schön gewesen
  • co*ckpit-Perspektive kaum zu gebrauchen

Entwickler / Publisher: Rockfish Games – Plattformen: PC, PlayStation 4, PlayStation 5, Xbox One, Xbox Series S/X, Nintendo Switch – Release: erhältlich – Genre: Weltraum-Shooter – Preis (UVP): 49,99 Euro, im Xbox Game Pass enthalten

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